Ehepaar_Busch2

 

  Lesen schadet den Augen

 

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                    Gedichtmotiv Krieg  und Vertreibung:

 

 

          Hans Sachs ( 1494 - 1576 )

          Die Gefangenen klagen

          O Herre Gott, laß dich erbarmen

          Unser Ellend - gefangen, armen,

          Erwürgen sechs  wir unser Kinder,

          Genummen sind uns Schaf und Rinder,

          Haus unde Hof ist uns verbrennt,

          Und wir geführt in das Ellend.

             

          Weh daß uns unser Mutter trug,

          Erst müß wir ziehen in dem Pflug

          Und Gersten essen, wie die Pferd,

          Mit unserm  Munde von der Erd.

          Kumm, grimmer Tod, und uns erlös

          Von dem grausamen Türken bös.

         

                        Unbekannter Verfasser

        Stoss-Seufzer

        Unser liebe Fraue

        Vom kalten Brunnen

        Bescher uns armen Landsknecht

        Eine warme Sunnen

        Daß wir nit erfrieren.

        Wol in des Wirtes Haus

        Trag wir ein vollen Säckel

        Und ein leeren wieder aus.

     

                       Die Schlacht vor Pavia

        Herr Görg von Frosperg,

        Herr Görg von Frosperg,

        Der hat die schlacht vor Pavia gewunnen,

        Gewunnen hat er die Schlacht vor Pavia in ein Tiergart,

        In neuthalben Stunden gewunnen Land und Leut.

         

        Der König aus Frankreich,

        Der König aus Frankreich,

        Der hat die Schlacht vor Pavia verloren,

        Verloren hat er die Schlacht vor Pavia in ein Tiergart,

        In neuthalben Stunden verlor er Land und Leut.

                                         

        Im Blut mußten wir gan,

        Im Blut mußten wir gan,

        Bis über, bis über die Schuch:

        Barmherziger Gott, erkenn die Not!

        Barmherziger Gott, erkenn die Not!

        Wir müssen sonst verderben also.

         

        Lermen, lermen, lermen,

        Lermen, lermen, lermen!

        Tät uns die Trummel und die Pfeifen sprechen;

        Her, her, her, ihr frummen teutschen Landsknecht gut!

        Laßt uns in die Schlachtordnung stan,

        Laßt uns in die Schlachtordnung stan,

        Bis daß die Hauptleut sprechen: iezt wollen wir greifen an!

                                     *

         

          Friedrich Logau (1604 - 1655)

          Des Krieges Buchstaben

          Kummer, der das Mark verzehret,

          Raum, der Hab und Gut verheeret,

          Jammer, der den Sinn verkehret,

          Elend, das den Leib beschweret,

          Grausamkeit, die Unrecht kehret,

          Sind die Frucht, die Krieg gewähret.

                                                                      (ca. 1654)

           

                 Friedrich Logau (1604 - 1655)

        Abgedankte Soldaten

        Würmer im Gewissen,

        Kleider wohl zerrissen,

        Wohlbenarbte Leiber,

        Wohlgebrauchte Weiber,

        Ungewisse Kinder,

        Weder Pferd noch Rinder,

        Nimmer Brot im Sacke,

        Nimmer Geld im Packe,

        Haben mitgenommen,

        Die vom Kriege kommen:

        Wer denn hat die Beute

        Eitel freche Leute.

            *

 

    Johann Rist (1607 – 1667)

    Als die wunderbahre / oder vielmehr ohnverhoffte Zeitung 1 erschallete / daß der Hertzog von

    Friedland zu Eger wehre ermordet worden.

     

    WAs ist dieß Leben doch? Ein Trawrspiel ists zu nennen /

    Da ist der Anfang gut / auch wie wirs wünschen können /

    Das Mittel voller Angst / das End' ist Hertzeleid

    Ja wol der bittre Todt / 0 kurtze Froligkeit!

    Dieß thut uns Wallenstein in seinem Spiel erweisen /     

    Der Kayser pflag ihn selbst anfenglich hoch zu preisen

    Als' eine Seul deß Reichs (so nand' ihn FERDINAND)

    Der Teutschen Furcht unnd Zwang / deß Käysers rechter Hand.

     

    Bald aber / wie sein Glaub' unnd Trew fieng an zu wancken

    Verkehrte sich das Spiel / man wandte die Gedancken 

    Auff seinen Untergang / der Tag gebahr die Nacht /

    Das Trawrspiel hatt' ein End' unnd er ward umbgebracht.

    So tumlet sich das Glück / so leufft es hin unnd wieder

    Den einen macht es groß / den andren drückt es nieder

    Sein End' ist offt der Todt. 0 selig ist der Mann

    Der sich der Eitelkeit deß Glucks entschlagen kan.

                                                                                     1 Nachricht

                                      *

     

          Andreas Gryphius  ( 1616 - 1664 )

          Thränen des Vaterlandes. Anno 1636

          Wir sind doch nunmehr gantz/ ja mehr denn gantz verheeret!

                 Der frechen Völcker Schaar/ die rasende Posaun

                 Das vom Blut fette Schwerdt/ die donnernde Carthaun/

          Hat aller Schweiß/ und Fleiß/ und Vorrath auffgezehret.

          Die Türme stehn in Glutt/ die Kirch ist umgekehret.

                 Das Rathaus ligt im Grauß/ die Starcken sind zerhaun/

                 Die Jungfern sind geschänd’t/ und wo wir hin nur schaun

          Ist Feuer/ Pest/ und Tod/ der Hertz und Geist durchfähret.

                 Hir durch die Schantz und Stadt/ rinnt allzeit frisches Blutt.

                 Dreymal sind schon sechs Jahr/ als unser Ströme Flutt/

          Von Leichen fast verstopfft/ sich langsam fort gedrungen

                  Doch schweig ich noch von dem/ was ärger als der Tod/

                  Was grimmer denn die Pest/ und Glutt und Hungersnoth

          Das auch der Seelen Schatz/ so vilen abgezwungen.

                                                                                            (1643)

                      Anm.: Kartaune = großes Geschütz; Grauß = Schutt)

            

     

            Unbekannter Verfasser

            Wallensteins Epitaphium 2

             

            Hie liegt und fault mit Haut und Bein

            Der Grosse KriegsFürst Wallenstein.

            Der groß Kriegsmacht zusamen bracht /

            Doch nie gelieffert recht ein Schlacht.

            Groß Gut thet er gar vielen schencken /

            Dargeg'n auch viel unschuldig hencken.

            Durch Sterngucken und lang tractiren /

            Thet er viel Land und Leuth.verliehren.

            Gar zahrt war ihm sein Böhmisch Hirn /

            Kont nicht leyden der Sporn Kirrn'.        

            Han / Hennen / Hund / er bandisirt /

            Aller Orten wo er losirt28.

            Doch mußt er gehn deß Todtes Strassen /

            D' Han krähn / und d' Hund bellen lassen.

             

                                      2  Epitaph = Grabschrift.

 

          Matthias Claudius (1740  - 1815)

          Kriegslied

           ‘s ist Krieg! s’ ist Krieg! O Gottes Engel wehre,

                   Und rede du darein!

          ‘s ist leider Krieg - und ich begehre

                   Nicht schuld daran zu sein!

           

          Was  sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen

          Und blutig, bleich und blaß,

          Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,

                  Und vor mir weinten, was?

           

          Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,

                   Verstümmelt und halbtot

          Im Staub vor mir sich wälzten und mir fluchten

                    In ihrer Todesnot?

           

          Wenn tausend, tausend Väter, Mütter, Bräute,

                    So glücklich vor dem Krieg,

          Nun alle elend, alle arme Leute,

                    Wehklagten über mich?

           

          Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten

                      Freund, Freund und Feind ins Grab

          Versammelten, und mir zur Ehre krähten

                      Von einer Leich herab?

           

          Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?

                      Die könnten mich nicht freun!

          ‘s ist leider Krieg - und ich begehre

                      Nicht schuld daran zu sein!  (1797)

         

                *

              Joseph v. Eichendorff ( 1788 - 1857)

              Der Soldat

              Und wenn es einst dunkelt,

              Der Erd bin ich satt,

              Durchs Abendrot funkelt

              Eine prächtige Stadt:

              Von den goldenen Türmen

              Singet der Chor,

              Wir aber stürmen

              Das himmlische Tor.

                *

 

      Heinrich Heine  ( 1797 - 1856 )   

              Enfant perdu1

      Verlorner Posten in dem Freiheitskriege,

      Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.

      Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege,

      Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus.

       

      Ich wachte Tag und Nacht - Ich konnt nicht schlafen,

      Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar -

      (Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven

      Mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war).

       

      In jenen Nächten hat Langweil ergriffen

      Mich oft, auch Furcht - ( nur Narren fürchten nichts ) -

      Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen

      Die frechen Reime eines Spottgedichts.

       

      Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme,

      Und nahet irgendein verdächtiger Gauch,2

      So schoß ich gut und jagt ihm eine warme

      Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.

       

      Mitunter freilich mocht es sich ereignen,

      Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut

      Zu schießen wußte - ach, ich kanns nicht leugen -

      Die Wunden klaffen - es verströmt mein Blut.

       

      Ein Posten ist vakant!3 - Die Wunden klaffen -

      Der Eine fällt, die Andern rücken nach -

      Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen

      Sind nicht gebrochen  -  Nur mein Herze brach.

                                                                                         (1851)

    1 entfant perdu: verlorenes Kind - 2  Gauch:   Narr -3  vakant: unbesetzt    

            *

                        

        August Stramm (1874 -1915)

        Patrouille

        Die Steine feinden

        Fenster grinst Verrat

        Äste würgen

        Berge Sträucher blättern raschlig

        Gellen

        Tod.  

                                            (1915)

                  August Stramm (1874 -1915)

          Schlachtfeld

          Schollenmürbe schläfert ein das Eisen

          Blute filzen Sickerflecke

          Roste krumen

          Fleische schleimen

          Saugen brünstet um Zerfallen.

          Mordesmorde

          Blinzen

          Kinderblicke.

                                           (1915)

           

            August Stramm (1874 -1915)

            Wache

            Das Turmkreuz schrickt ein Stern

            Der Gaul schnappt Rauch

            Eisen klirrt verschlafen

            Nebel streichen

            Schauer

            Starren Frösteln

            Frösteln

            Streicheln

            Raunen

            Du!

                           *

 

 

          Max Herrmann-Neiße (1886 – 1941)

          Tage der Gefahr

           

          Das sind die Tage der Gefahr:

          es hält das All den Atem an.

          Ein Fluch liegt auf dem ganzen Jahr.

          Geheim wird Gräßliches geplant,

          du spürst es unentrinnbar nahn.

          Eh deinem Traum noch Böses schwant,

          ist Unheilvolles schon getan.

          Du möchtest fliehn und bleibst gebannt.

          Das Leben kommt nicht mehr zur Ruh,

          solang die dunkle Drohung schwelt.

          Der Unsichtbare sieht dir zu,

          bis doch dein Fuß den Steg verfehlt.

          Die Welt wankt unter deinem Schuh

          und stürzt ins Leere ab entseelt,

          ihr Name wird nicht mehr genannt.

          Zerstört ist, was uns heilig war.

          Das All, das die Vernichtung ahnt,

          hält angsterfüllt den Atem an.

                          *

                                           (gedruckt 16.04.1939 in der Baseler ‚National - Zeitung’)

 

 

            Max Herrmann-Neiße (1886 – 1941)

            Das Unabwendbare

             

            Die Brunnen des Todes sind aufgebrochen,

            der Würger hat seine Fesseln gesprengt,

            die große Verwünschung ist ausgesprochen:

            nun wird geplündert, gewüstet, gesengt,

            Verdammnis dröhnen die Stürme, die Meere,

            die  Fahnen flattern in Blut getaucht,

            und hinter dem Zuge der heidnischen Heere

            der  Brand der geschändeten Städte raucht.

            Der Himmel spiegelt die höllischen Gluten,

            in dir  wir hilflos starren, gebannt:

            bald haben die wildflammenden Fluten

            den Wall auch  um unser Versteck überrannt.

            Ich warte und weiß doch: ich kann nicht entrinnen,

            schon morgen ist mir das Letzte geraubt.

            Die  Hoffnung, ich dürfte noch einmal beginnen –

            Im Grunde hab’ ich sie niemals geglaubt.

            Ich Grunde hatte mein Leben verzichtet,

            schon damals, als ich die Heimat verließ,

            und nur einen schwachen Trost sich erdichtet,

             der längst sich als unerfüllbar erwies.

            Von unserer Alten Welt mich zu trennen,

            ermangelte ich der wagenden Kraft;

            so kann uns die wüstende Kraft überrennen,

            indes der Gedanke die Neue Welt schafft.

            Sie wird mein scheidender Blick nicht mehr fassen,

            mein Ende soll ohne Erhebung sein:

            von allem, was mir lieb war, verlassen,

            verblute ich winselnd und gottlos allein.

            Ein Lied ist erwürgt. Ein Herz ist gebrochen.

            In Trümmern liegt ein gastliches Haus.

            Die große Verwünschung wurde gesprochen.

            Das Licht geht aus.

                                     *

                                     (im Londoner Exil verfasst am 26. 11. 1939; ersch. New York 1941)

 

            Max Herrmann-Neiße (1886 – 1941)

            Kriegerische Wandlung

             

            Hier weiden friedlich sonst die Lämmerherden,

            die Menschen freun sich an der Blumen Pracht;

            und morgen soll der Park zum Schlachtfeld werden

            und Giftgas strömen durch die Sternennacht!

             

            Wo jetzt noch Buben harmlos Fußball spielen

            Und man die Drachenschnur geduldig hält,

            wird ein Geschützrohr in die Lüfte zielen,

            aus denen plötzlich die Vernichtung fällt.

             

            Das uns vertraute Laubwerk der Gesträuche

            muß dann dem Hinterhalt Verhüllung sein,

            und die verhaßten kriegerischen Bräuche

            gehen mählich auch den Sanftgesinnten ein.

             

            Ich  hoffte, niemehr sollte dies geschehen,

            daß sinnlos sich die Menschheit  selbst zerfleischt

            und, wo heut sanfte Friedensprediger stehen,

            der Hetzer morgen Kriegerisches kreischt.

             

            Ich ahnte nicht, daß immer dicht daneben

            das Drohende beim arglos Milden wohnt.

            Nun bleibt der Schatten über meinem Leben,

            hat es für diesmal auch uns noch verschont.

                            *

                           (aus:  Max Herrmann-Neiße, Letzte Gedichte, New York 1941)

 

          Georg  Heym ( 1887 - 1912)

           Der Krieg

          Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,

          Aufgestanden unten aus Gewölben tief.

          In der Dämmrung steht er, groß und unbekannt,

          Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

           

          In den Abendlärm der Städte fällt es weit,

          Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit.

          Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.

          Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

           

          In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.

          Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.

          In der Ferne zittert ein Geläute dünn,

          Und die Barte zittern um ihr spitzes Kinn.

           

          Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an,

          Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an!

          Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,

          Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

           

          Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,

          Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.

          Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,

          Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

           

          In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein,

          Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.

          Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,

          Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

           

          Und mit tausend hohen Zipfelmützen weit

          Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,

          Und was unten auf den Straßen wimmelnd flieht,

          Stößt er in die Feuerwälder, wo die Flamme brausend zieht.

                                                                                                     

          Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,

          Gelbe Fledermäuse, zackig in das Laub gekrallt,

          Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht

          In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

           

          Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,

          Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.

          Aber riesig über glühnden Trümmern steht,

          Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht

           

          Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,

          In des toten Dunkels kalten Wüstenein,

          Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,

          Pech und Feuer trautet unten auf Gomorrh.

                           (1911)

                                         *

        Georg Trakl (1887 – 1914)

        Grodek

        Am Abend tönen die herbstlichen Wälder

        Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen

        Und blauen Seen, darüber die Sonne

        Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht

        Sterbende Krieger, die wilde Klage

        Ihrer zerbrochenen Münder.

        Doch stille sammelt im Weidengrund

        Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt

        Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;

        Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

        Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen

        Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,

        Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;

        Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.

        O stolzere Trauer! Ihr ehernen Altäre

        Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger  Schmerz,

        Die ungeborenen Enkel                                                                                                                                                                                                                                    (1914)

                             Trakl hatte als Sanitäter eine Nacht lang ganz allein die Verwundeten der Schlacht von

                              Grodek/ Rawa-Raska (Galizien) zu versorgen, ein bleibend traumatisches Erlebnis.

                                *

                                           

       

            Alfred Lichtenstein (1889 – 1914)

            Abschied

                    kurz vor der Abfahrt zum Kriegsschauplatz für Peter Scher)

             

            Vorm Sterben mache ich noch mein Gedicht.

            Still, Kameraden, stört mich nicht.

             

            Wir ziehn zum Krieg. Der Tod ist unser Kitt.

            O, heulte mir doch die Geliebte nit.

             

            Was liegt an mir. Ich gehe gerne ein.

            Die Mutter weint. Man muss aus Eisen sein.

             

            Die Sonne fällt zum Horizont hinab.

            Bald wirft man mich ins milde Massengrab.

             

            Am Himmel brennt das brave Abendrot.

            Vielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot.

         

                   Anm.: Peter Scher, d.i. der Redakteur des Simplicissimus Fritz Schweynert ( 1880 - 1953);

                    der  Abtransport des Regiments erfolgte am 08.08. 1914)

                                    *

      Kurt Tucholsky  (1890 – 1935)

      Gebet nach den Schlachten

      Kopf ab zum Gebet!

       

      Herrgott! Wir alten vermoderten Knochen

      Sind aus den Kalkgräbern noch einmal hervorgekrochen.

      Wir treten zum Beten vor dich und bleiben nicht stumm.

      Und fragen dich, Gott:

          Warum?

       

      Warum haben wir unser rotes Herzblut darangegeben?

      Bei unserm Kaiser blieben alle sechs am Leben.

      Wir haben einmal geglaubt... Wir waren schön dumm... l

      Uns haben sie besoffen gemacht...

          Warum —?

       

      Einer hat noch sechs Monate im Lazarett geschrien.

      Erst das Dörrgemüse und zwei Stabsärzte erledigten ihn.

      Einer wurde blind und nahm heimlich Opium.

      Drei von uns haben zusammen nur einen Arm...

          Warum —?

       

      Wir haben Glauben, Krieg, Leben und alles verloren.

      Uns trieben sie hinein wie im Kino die Gladiatoren.

      Wir hatten das allerbeste Publikum.

      Das starb aber nicht mit...

          Warum -? Warum -?

     

      Herrgott!

      Wenn du wirklich der bist, als den wir dich lernten:

      Steig herunter von deinem Himmel, dem besternten!

      Fahr hernieder oder schick deinen Sohn!

      Reiß ab die Fahnen, die Helme, die Ordensdekoration!

      Verkünde den Staaten der Erde, wie wir gelitten,

      wie uns Hunger, Läuse, Schrapnells und Lügen den Leib zerschnitten!

      Feldprediger haben uns in deinem Namen zu Grabe getragen.

      Erkläre, dass sie gelogen haben! Lässt du dir das sagen?

      Jag uns zurück in unsre Gräber, aber antworte zuvor!

      Soweit wir das noch können, knien wir vor dir — aber leih uns dein Ohr!

      Wenn unser Sterben nicht völlig sinnlos war,

      verhüte wie 1914 ein Jahr!

      Sag es den Menschen! Treib sie zur Desertion!

       

      Wir stehen vor dir: ein Totenbataillon.

      Dies blieb uns: zu dir kommen und beten!

          Weggetreten!                 

                    Theobald Tiger (1924)  

                   

          Kurt Tucholsky  (1890 – 1935)

          Der Graben

          Mutter, wozu hast du deinen aufgezogen?

          Hast dich zwanzig Jahr mit ihm gequält?

          Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,

          und du hast ihm leise was erzählt?

            Bis sie ihn dir weggenommen haben

            Für den Graben, Mutter, für den Graben.

           

          Junge, kannst du noch an Vater denken?

          Vater nahm dich oft auf seinen Arm.

          Und er wollt dir einen Groschen schenken,

          und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.

            Bis sie ihn dir weggenommen haben

            Für den Graben, Junge, für den Graben.

           

          Drüben die französischen Genossen

          Lagen dicht bei  Englands Arbeitsmann.

          Alle haben sie ihr Blut vergossen,

          und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.

            Alte Leute, Männer, mancher Knabe

            In dem einen großen Massengrabe.

           

          Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!

          Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!

          In die Gräben schickten euch die Junker,

          Staatswahn und der Fabrikanteneid.

            Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,

            Für das Grab, Kameraden, für den Graben!

           

          Werft die Fahnen fort!

                Die Militärkapellen

          Spielen auf zu eurem Todestanz.

          Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen –

          Das ist dann der Dank des Vaterlands.

            Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.

            Drüben stehen <Väter, Mütter, Söhne,

            schuften schwer, wie  ihr, ums bisschen Leben.

            Wollt ihr denen nicht die Hände geben?

            Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben

            Übern Graben, Leute, übern Graben -!

                                                                                                       (1928)

                                                    *

           

        Johann Spratte ©  (1901 – 1991)

        Heimkehr

        Im Bündel

        den gebastelten Löffel

        aus Konservenblech.

        Patronenhülse

        mit Bleistiftstummel.

        Bindfaden, Borsalbe,

        Soldatenbrille,

        und Vaters alte Taschenuhr.

        Ein Stück Brot noch

        von der letzten Lagerzuteilung.

        Zerdrückte Briefe,

        Fotografien

        und in staubigen Stiefeln

        immer noch der gewohnte

        Marschtritt.

        Aber die Straßen der Heimat

        unter den Füßen.

     

                                          (aus: Gelber Wiesenmond, 1980, S. 20 - s.   In memoriam Johann Spratte

           Herrn Wido Spratte aus Wallenhorst ein herzliches Dankeschön für die Abdruckerlaubnis, Februar 2011

                  *

               

              Hans Bender © ( 1919 - 2015)

              Heimkehr

              Im Rock des Feindes,

              in zu großen Schuhen,

              im Herbst,

              auf blattgefleckten Wegen

              gehst du heim.

              Die Hähne krähen

              deine Freude in den Wind,

              und zögernd pocht

              dein Knöchel

              an die stumme,

              neue Tür.

                                                     (1954)

           

                      Ich danke dem Autor Hans Bender ganz herzlich für die Abdruckerlaubnis; Mai 2008.

                                              (Hans Bender verstarb am 28. Mai 2015. R.I.P.

 

          Eva Zeller © (* 1923)

          Ruhe auf der Flucht

           

          (06. 01. 1945)

           

          Heute Mittag

          haben wir bei

          Schmelzwasser

          und trockenem Brot

          die rotgefrorne

          Rübennase des

          Schneemanns

          gekaut der

          mit seinem

          Besenstiel

          Schlobitten

          verteidigte

 

                *

                                Anm. Z 11:  Schlobitten =  Ort und Schloss in Ostpreußen

                

          Eva Zeller © (* 1923)

          ein Geräusch

           

          Wir haben die

          Pferdehufe beschlagen

          Achsen und Schlitter-

          Kufen geschmiert

          zu schwere Kisten

          mit dem Tafelsilber

          wieder abgeladen

           

          die aneinander

          gefrorenen Eis-

          schollen auf der

          Nogat knisterten

          schon und knirschten

 

          ein Geräusch wie

          beim Zahnziehn

          wenn die Wurzel

          nicht raus will

          und die örtliche

          Betäubung auch

          nicht mehr hilft

               *

    Anm: Z 11: Nogat =  62 km langer Mündungsarm der Weichsel, mündet ins Frische Haff

    aus: Eva Zeller, Was mich betrifft. Gedichte und Balladen. Literarische Broschur Bd. 18 , München Verlag

     Sankt Michaelsbund. 2011, S. 7f. . Der Autorin für die Publikationserlaubnis vom 26. 08. 2011 ganz herzlichen

    Dank.

 

            Dagmar Nick (* 1926)

            Flucht


            Weiter. Weiter. Drüben schreit ein Kind.

            Laß es liegen, es ist halb zerrissen.

            Häuser schwanken müde wie Kulissen

            durch den Wind.

             

            Irgendjemand legt mir seine Hand

            in die meine, zieht mich fort und zittert.

            Sein Gesicht ist wie Papier zerknittert,

            unbekannt.

             

            Ob du auch so um dein Leben bangst?

            Alles andre ist schon fortgegeben.

            Ach, ich habe nichts mehr, kaum ein Leben,

            nur noch Angst.

                            *

                                  (Erstveröffentlichung durch Erich Kästner, 1945)

                                                                                              (s. Sonderseite Dagmar Nick)

 

    Jürgen Becker (* 1932)

    Träume wiederholen sich

     

    Aufrecht sitze ich im Bett. Nichts ist

    zum Festhalten da. Wieder

    haben die Bremsen eines Autos versagt,

    das nicht mir gehört. Wenn ich jetzt

    aufstehe, werde ich im Dunkeln versuchen,

    keinen Gegenstand zu berühren. Meine Stadt

    liegt wieder in Trümmern. Es ist wieder

    Krieg. Ich stehe auf

    und suche in der Küche die Milch.

               *

    Aus: Jürgen Becker, Erzähl mir nichts vom Krieg. Gedichte. Suhrkamp Verlag 1977 S. 12

     

    Jürgen Becker (* 1932)

    Zeitzeugen

     

    Jetzt weiß man es wieder. Der Frontverlauf

    zwischen Hückeswagen und Wipperfürth, Tiefflieger

    über dem Niederen Fläming, im Vorgarten

     das Maschinengewehr. Abends hat die erste Amsel

    geflötet, und über die Terrasse schwebt  

    ein blaues Mädchenkleid. Den Großvater hat noch

     

    der Volkssturm geholt; offene Fenster

    und ein Koffergrammophon, Der Wind hat mir

    ein Lied erzählt. Gewußt hat man gar nichts.

    Ein paar Möbel im Regen, und nachts die Züge

    hinter den Wäldern. Sommerwolken 

    bis zum Ettersberg; der Nachmittag vergeht

     

    im Konfirmandenunterricht. Unendlich

    die Chaussee; im Straßengraben brennt

    der Kübelwagen aus, und Jenseits des Tales

    standen unsre Zelte. Oder alles vergessen.  

    Die Akten im Keller, auf dem Speicher die Briefe,

    jetzt kommen die alten Nachrichten wieder.

                          *

       Aus: Jürgen Becker, Dorfrand mit Tankstelle. Gedichte. Suhrkamp Verlag Frankfurt a. M. 2007 S. 25

       (Dem Büchner-Preisträger 2014 ein herzliches Dankeschön für die Abdruckerlaubnis vom 19. 06. 2014)

 

 

                     Horst Bingel  ©(1933 – 2008)

      Das Winterpferd

      Schaukelpferd, Schaukelpferd, reite nicht in den Krieg,

      der Krieg, er ist ein böses Tier,

      Papa und  Mama bleiben hier.

       

      Ihr habt die Eisblumen gesehen,

      du und das Winterpferd,

      alle Gräber werde wir

      schmücken am Sonntag, am

      Montag, frühmorgens,

      am Morgen dann,

      Kastanien und Straßen-

      laternen sammle ich

      für dich, braune Kastanien.

       

      Schaukelpferd, Schaukelpferd, reite nicht in den Krieg,

      der Krieg, er ist ein böses Tier,

      Papa und Mama bleiben hier.

       

      Sie werden in einer Nacht

      dich verkaufen

      - und kein Hahn und kein Hund –

      sie mit Zylindern, die

      bodenlos sind, sie

      haben dich nicht gekannt.

      Meide die festen Häuser!

      Längst schon stehen Rucksack und Schaukelpferd,

      Rucksack und Schaukelpferd bereit.

       

      Schaukelpferd, Schaukelpferd, reite nicht in den Krieg,

      der Krieg, er ist ein böses Tier,

      Papa und Mama bleiben hier.

       

                 *

       aus: Horst Bingel, Den Schnee besteuern.  Gedichte. Hrsg. von Werner Bucher

             und  Virgilio Masciadri. orte-Verlag,  Oberegg und Zürich 2009, S. 36

             Frau Barbara Bingel ganz herzlichen Dank für die Abdruckerlaubnis.

    
IMG_0963_alte Flugzeuge

 

            Peter Härtling (1933 - 2017)

            Krieg

             

            Hinunter.

            Das Land, das ich erdachte,

            bricht weg

            wie ein Stück Schiefer,

            hinunter.

            Hinunter

            ins irrende Gedächtnis:

            Schon wieder Krieg?

            Nach wie vielen Kriegen

            schon wieder Krieg?

            Ich lag verschüttet

            unter meiner Kindheit.

            Nichts nahm ich mit.

            Nun bricht von neuem

            weg,

            was ich fand, erfand,

            mein Land,

            stürzt hinunter:

            eine Tafel mit

            meiner verwischten Schrift,

            und verglüht

            im Krieg,

            im nicht mehr angesagten Krieg.

             

             

             aus: Peter Härtling, Das Land, das ich erdachte. Gedichte 1990 – 1993 Radius Verlag, S. 59

      Am 09.05.2011 erhielt ich in einem freundlichen Brief die Abdruckerlaubnis.

      Der Autor verstarb am 10. 07. 2017. R.I.P.

       

            Monika Taubitz ©  (* 1937)

            Vergessene Geschichte

             

            Die Stränge der Schienen

            stumpf geworden

            und rotbraun vom Rost,

            weisen hier und dort

            einen helleren Farbton auf.

             

            Ausgetauscht einst

            und über Bombentrichtern

            verlegt,

            markieren sie noch immer

            die alte Geschichte.

                      *

            Monika Taubitz ©  (* 1937)

            Damals

             

            Es blitzten die Schienen

            wie scharf

            geschliffene Messer,

            damals,

            als Waggon

            um Waggon

            darüberrollte

            nach Buchenwald,

            dem Ort

            mit dem schönen Namen.

             

               *

            aus:

            Monika Taubitz; Im Zug  -  nebenbei. Gedichte von unterwegs,

            Neisse Verlag Silvia & Detlev Krell GbR, Dresden 2011, S. 9 und 10

                      (s. Sonderseite Gedichte der Monika Taubitz)

 

                                 Friedensmasken Kalkriese

             

                                                                      Noch nicht copyfrei:

    Bert Brecht (1898 - 1956) Legende vom toten Soldaten (Und als der Krieg im fünften Lenz)

    Marie Luise Kaschnitz (1901 – 1974) Hiroshima   (Der den Tod auf Hiroshima warf)

    Peter Huchel (1903 - 1981) Chausseen, Chausseen Chronik:  Dezember 1942

                                                (Wie Wintergewitter ein rollender Hall) (1955)

    Rainer Brambach (1917 – 1983) Paul  ( Neunzehnhundertsiebzehn/  an einem Tag unter Null geboren)

    Paul Celan (1920 –1970)  Espenbaum,  ( dein Laub blickt weiß ins  Dunkel.)

    Erich Fried (1921 – 1988)  (Beim Nachdenken über Vorbilder

                                           Spruch (Ich bin der Sieg)

    Inge Müller   (1925 - 1966) 1945  (Ich sah die Welt in Trümmern)

    Ernst Jandl (1925 - 2000) schtzgrmm (schtzngrmm/ t-t-t-t)

                 (vater komm erzähl vom krieg)

    Ingeborg Bachmann (1926 – 1973) Alle Tage (Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt.)

    Günter Kunert ( * 1929) Manöverplatz ( In den erblühten Gärten, wo)

    Hans Bender (1929 - 2015) An die Urenkel (Was kann ich alter Mann)

    Volker von Törne (1934 - 1980)  Frage  (Mein Großvater starb an der  Westfront)

    Wolf Biermann (* 1936) Soldat Soldat (Soldat Soldat in grauer Norm)

    Kurt Bartsch (1937 - 2010) Frage (Noch steht das Haus)

    Guntram Vesper (*1941) Die Bauern von Greifenhain (Ich klopfe ans Hoftor)

            Soldaten (Wenn sie in ein Dorf ziehen)

            Vertrieben (Vor die Versammlung/tritt ein Mann.)

            Aegidienkirche Hannover - nach dem Luftangriff 1943 im zerstörten Zustand belassen als Mahnmal gegen Krieg

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