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  Lesen schadet den Augen

 

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                                      Die Stadt Berlin im Gedicht

 

Berlin

    Hier lebe ich manchmal - am Rand der Gesellschaft, hänge meine Stallaterne raus für Pegasus, lass Hemd und Höschen

    flattern , aber nirgendwo hat man seine Ruhe, immer gibt es ein Jubiläum, an dem man vorleiern soll!  

                                           (Merke: Lyrik -  gr. lyra = die Leier)

     

          Friedrich Wilhelm A. Schmidt (1764 - 1838)  

          ( auch: Schmidt von Werneuchen)

          Abschied von Berlin            

                An Frau Oberstin von Valentini

                 Im Dezember 1795

         

          Dein Herz, o Freundinn!  scheint mich zu bedauern,

          Daß Langeweil’ und Missmut mich belauern,

          Wann ich der Stadt, die dir so süß behagt,

          Auf ewig gern das Lebewohl gesagt.

           

          Meinst Du im Ernst: ich muß von Felsenmassen

          Mir in der Stadt ein Prunkhaus thürmen lassen,

          Zu nutzen froh das Bißchen Lebensfrist,

          Bis für den Sarg auch mich der Tischler mißt? -

           

          Komm her zu uns, wenn Winterstürme tosen,

          Komm her im Lenz, komm um die Zeit der Rosen,

          Komm, wenn der Herbst die Feldgewebe spinnt,

          Und sieh, wie froh wir hier im Flecken sind.

           

          Ja, gute Frau! die Stadt ist mir ein Kerker;

          Nie tausch' ich drum der Hütte kleinen Erker,

          Das Gärtchen nie mit bogigtem Stacket,

          Wo schwesterlich Ebresch' und Linde steht.

           

          Nie tausch' ich drum mein Lusthaus, unterm Schatten

          Des Austbirnbaums, der Lehmwand Rebenlatten,

          Mein Bienenhaus voll gelber Körbe, nie

          Mein Beet, geschmückt mit Boll’ und Sellerie.

           

          Obgleich der Schnee itzt flockt in Gass' und Höfen,

          Und nie der Torf verglimmt in unsern Oefen,

          Den Hagelschlag der Sturm ans Fenster prellt,

          Daß mancher Windklotz von den Dächern fällt.

           

          So schwör' ich dir: der Strahl der Wintersonne

          Durch Fenster-Eis, der Kinder Weihnachtswonne,

          Ein bied'rer Freund, der zwar geschliffen nicht,

           Wie Herr'n vom Ton, doch ganz von Herzen spricht

           

          Ein weises Buch, ernst in die Hand genommen,

          Die Hoffnung: ach? bald wird der Frühling kommen!

          Die Reiser selbst im dörflichen Kamin,

          Die, angefacht vom Blasebalge, glühn.

           

          Ein Weib, das Abends plaudernd mit dem Kinde,

          Ihr Spinnrad rollt mit blanker Rockenbinde:

          Das alles schon ist Wohlthat für mein Herz,

          Und macht den Druck des Winters mir zum Scherz.

           

          Doch schlüpfen erst aus tiefgespalt'nen Kerben

          Des Apfelbaums die Abendvögel, färben

          Sich erst des Flieders Blüthen violett

          Und duftet Lak auf meinem Fensterbrett;

           

          Werd' ich erst selbst in meinem Gartenparke

          Geschäftig seyn, mit Schaufel, Schnur' und Harke,

          Mit mir mein Weib, von Lenzluft so gesund

          Mein einzig Kind, so drall, so roth und rund;

           

           Dann will ich gern mein Häuschen drum verwetten:

          Du giebst - ich kenne Dich l - für  meinen netten

          Aurikelnflor, Lilj' und Rosenstock, 

          Gern deinen Spieltisch hin mit Rock und Block1.

           

          Dannn komme her, wer dieses Herz verwandeln

          Zu können wähnt, mein Glück mir abzuhandeln;

           O! großen Dank! für Haufen blank und baar,

          Bekommt er's nicht, sey König oder Zaarl

           

                           1 Kunstausdrücke beim L'homberspiel.

        

            Georg Heym ( 1887 - 1912)

            Dorf

            Aus hohen Fenstern tönt die Orgel fort

            Im kleinen Friedhof, wo der Pfarrer steht,

            Und mit der Hand der Blumen Blätter dreht

            Nach Würmern, und nach welkem Blatt, das dorrt.

             

            Die Straße liegt im Abendlichte leer.

            Die Häuser alle stumm. Doch gelblich schwimmt

            Schon der Kastanien Laub, und unbestimmt

            Mit Braun und Rot in Herbstes Wiederkehr.

             

            Der Felder Ausschnitt liegt am Ende weit.

            Sie dunkeln schon, wo fern der Wald beginnt.

            Des blasse Grenze in der Luft verrinnt.

            So blass schon, wie in trüber Winterzeit.

             

            Die Orgel schweigt. Der Kirche Turmhahn kehrt

            Sich glänzend um. Der Sonnenblumen Haupt

            Glüht an der Kirchhofsmauer, gelb belaubt.

            Das sich vom kühlen Staub der Gräber nährt.

       

                 Stadt (Berlin):

               

        Johannes Trojan (1837 – 1915)

        Berliner Luftballon-Poesie

                  Das wahre Glück

         

        Wie schwebts im purpurnen Gewölke

        Des  Abends sich so wunderschön,

        Wo nichts von Hassselmann und Tölke,

        Von Hasenclever nichts zu sehn.

         

        Hier ist es still! In diesen Höhen

        Herrscht volle Ruhe früh und spät.

        Man sieht den Orgeldreher drehen,

        Jedoch man hört nicht, was er dreht.

         

        Hier kann man ungestört sich laben,

        Sich ruhig freun an der Natur,

        Denn niemals wird hier umgegraben,

        Nie umgepflastert der Azur.

         

        Hier mehr noch als am Markt der Molken,

        Herrscht Sicherheit zu jeder Frist.

        Kein Strolch streicht durch die Abendwolken,

        Wenn man nicht selber Einer ist.

         

        Tief unten liegt die Metropole –

        Wie scheint sie klein – im Abendlicht.

        Man sieht von Osdorfs Rieselkohle

        Die Köpfe, doch man riecht sie nicht.

         

        Zu hausen in der Weltstadt Klüften

        Und Kellern – trauriges Geschick!

        Die Freiheit wohnt nur in den Lüften

        Und in der Gondel nur das Glück!

              *

              Johannes Trojan (1837 – 1915)

              Maienlust bei Berlin

               

              Wie blüht im Glanz der Maien

              So lieblich Baum und Strauch!

              Jetzt Schläft der Strolch im Freien,

              Umduftet vom Blüthenhauch.

              Es schlagen so liebesehnlich

              Die Vöglein überall.

              Man rechnet drei Strolche gewöhnlich

              Auf eine Nachtigall. 

                  *

                     

                 Arno Holz (1863 – 1929)

                 

                  In den Grunewald

                  seit fünf Uhr früh,

                spie Berlin seine Extrazüge.

       

                                                       Über die Brücke von Halensee,

              über Spandau, Schmargendorf, über den Pichelsberg,

                     von allen Seiten,

          zwischen trommelnden Turnerzügen, zwischen Kremsern1 mit Musik,

                   entlang die schimmernde Havel,

                       kilometerten sich die Chausseeflöhe.

       

        „Pankow, Pankow, Pankow, Kille, Kille“, „Rixdorfer“, „Schunkelwalzer“, „Holzauktion“

       

                Jetzt ist es Nacht.

       

                 Noch immer

                aus der Hundequäle 2

            quietscht und empört sich der Leierkasten.

       

          Hinter den Bahndamm, zwischen die dunklen Kuscheln 3,

                verschwindet

            eine brennende Cigarre, ein Pfingstkleid.

       

                Luna: lächelt.

       

          Zwischen weggeworfenem Stullenpapier und Eierschalen 

              suchen sie die blaue Blume!

 

                                               *                                           (aus: Phantasus, 2. Heft 1899) 4

           

    1  Kremser (nach dem Berliner Fuhrunternehmer) offener Wagen mit Verdeck  2 Hundequäle = Berliner Grunewald -

        Lokal  Hundekehle

    3  Kuschel = niedrige Kiefer,  Gebüsch    4 erweitere Textfassung unter dem Titel „Berliner Himmelfahrtstag“

         (Werkausgabe Bd. 1  Wilhelm Emrich, Anita Holz, Neuwied/ Berlin 1961)

 

                    Karl Henckell  (1864 – 1929)

            Berliner Abendbild

            Wagen rollen in langen Reih'n,

            Magisch leuchtet der blaue Schein.

            Bannt mich arabische Zaubermacht?

            Tageshelle in dunkler Nacht!

            Hastig huschen Gestalten vorbei,

            Keine fragt, wer die andre sei,

            Keine fragt dich nach Lust und Schmerz,

            Keine horcht auf der andern Herz.

            Keine sorgt, ob du krank und schwach,

            Jede rennt dem Glücke nach,

            Jede stürzt ohne Rast und Ruh

            Der hinrollenden Kugel zu.

            Langsam schlend’r ich im Schwarm allein -

            Magisch leuchtet der blaue Schein.

            Kaufmann, Werkmann, Student, Soldat,

            Bettler in Fetzen, Hure im Staat.

            Rechnend drängt sich der Kaufmann hin.

            Rechnet des Tages Verlust und Gewinn.

            Werkmann bebt vor der Wintersnot:

            „Fänd' ich, ach fänd' ich mein täglich Brot!

            Hungernd wartet die Kinderschar,

            's ist ein böses Jahr, ein böses Jahr."

            Bruder Studio zum Freunde spricht:

            „Warte, das Mädel entkommt uns nicht!

            Siehst du, sie guckt; brillant, famos!

            Walter, nun sieh doch - die Taille bloß!"

            Steht der Gardist in Positur,

            Weil der Hauptmann vorüberfuhr,

            Ließ seine Donna im Stich - allein:

            „Ja, liebste Rosa, Respekt muß sein."

            „Blumen, Blumen, o kauf ein Bouquet,

            Rosen und Veilchen, duftend und nett!

            Bitte, mein Herr, ach so sei'n Sie so gut!"

            „Scher dich zum Teufel, du Gassenbrut!

            Retzow, auf Ehre, wahrer Skandal."

            „Unter Kam'raden ganz egal."

            „Sehen Sie, bitte! Grandiose Figur,

            Wirklich charmant, merveilleuse Frisur."

            „Echt garantiert? Doch das macht nichts aus.

            Hm! Begleiten wir sie zu Haus?"

            „Neuestes Extrablatt! Schwurgericht!"

            Hei, das drängt sich neugierig dicht.

            „So ein Schwindler, ein frecher Hund,

            Schlägt erst tot und leugnet es rund."

            Wie das rasselt, summt und braust!

            Wie es mir vor den Ohren saust!

            Jahrmarkt des Lebens, so groß - so klein!

            Magisch leuchtet der blaue Schein.

                                        (1898)

                  *

            Ludwig Jacobowski (1868 – 1900)

            Großstadt-Lärm

             

            Wo bist du, stilles Ackerland,

            vom bittern Tagewerk ermüdet,

            du grenzenloser Himmelsrand,

            von treuen Sternen eingefriedet?

             

            O draußen, wo die Nacht sich senkt,

            auf Gärten, Heide, Wald und Fluren,

            und locker in den Ästen hängt

            ein Hauch von Dampf und Silberspuren.

             

            Hier schleiche ich die Mauern lang,

            die droh’n auf mich herabzufallen.

            Nachtschwärmer kreuzen meinen Gang

            Und taumeln in durchlärmten Hallen.

             

            Gejohle aus dem Kellerloch,

            bis an die Dächer ein Gebrause, -

            o Land der Stille, hol mich doch,

            hol den Gefangenen nach Hause.

 

                *

 

        Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

        Kanäle in Berlin

        Beleuchtete Zimmer und Säle

        Locken mit lautem und hellem Spiel.

        Aber die dunkle Politur der Kanäle

        Verschweigt so viel.

         

        Uferlängs gehen unsichtbar  -

        Stoßweise zwei Stimmen.

        Sonderbar! Wie in Gefahr?

        Oder als ob sie schwimmen.

         

        Eine klang wie ein Kind. –

        Ich bin links eingebogen.

        Dort, wo die hellen Häuser sind,

        Hab ich traurig mich belogen.

         

                       *

        Joachim Ringelnatz (1883 – 1943)

        Müde in Berlin

        Wenn die Gedanken sich zerstreut

        Aus dir entfernen,

        So, dass kein schönes Bein dich freut,

        Und ein trübe Feuchtigkeit

        Hängt über dir, unter den Sternen, -

        Wo willst du hin um solche Zeit?

         

        Schön ist zum Beispiel die Peltzer-Bar.

        Aber müde Menschen sind undankbar.

         

        Geh heim und lege dich zur Ruh.

        Du findest doch die Worte nicht,

        Wenn jemand freundlich zu dir spricht.

        Denn du bist du

        Und kannst dir selber nicht entfliehn.

         

        Leg dich in deine Hände.

        Dann schäumt das schillernde Berlin

        Um deine ernsten Wände. - -

        Dein Schiff wird in die Ferne ziehn.

         

              *

              Oskar Loerke (1884 – 1941)

              Blauer Abend in Berlin

               

              Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;

              Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen

              Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen;

              Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

               

              Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen

              Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.

              Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,

              Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

               

              Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.

              Wie eines Wassers Bodensatz und Tand

              Regt sie des Wassers Wille und Verstand

               

              Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.

              Die Menschen sind wie grober, bunter Sand

              Im linden Spiel der großen Wellenhand.

                                   (1917)

                                   *

               

            Paul Boldt  (1885 -  1918/19?)

            Berlin

            Die Stimmen der Autos wie Jägersignale

            Die Täler der Straße bewaldend ziehn.

            Schüsse von Licht. Mit einem Male

            Brennen die Himmel auf Berlin.

             

            Die Spree, ein Antlitz wie der Tag,

            Das glänzend meerwärts späht nach Rettern,

            Behält der wilden Stadt Geschmack,

            Auf der die Züge krächzend klettern.

             

            Die blaue Nacht fließt in den Forst,

            Sie fühlt, geblendet, dass du lebst.

            Schnellzüge steigen aus dem Horst!

            Der weiße Abend, den du webst,

             

            Fühlt, blüht, verblättert in das All.

            Ein Menschen-Hände Fangen treibst du

            Um den verklungnen Erdenball

            Wie hartes Licht; und also bleibst du.

             

            Wer weiß, in welche Welten dein

            Erstarktes Sternenauge schien,

            Stahlmasterblühte Stadt aus Stein,

            Der Erde weiße Blume, Berlin.

     

                  *

            Paul Boldt (1885 - 1918/19?)

            Auf der Terrasse des Café Josty

            Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll

            Vergletschert alle hallenden Lawinen

            Der Straßentrakte: Trams auf Eisenschienen,

            Automobile und den Menschenmüll.

             

            Die Menschen rinnen über den Asphalt,

            Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.

            Stirne und Hände, von Gedanken blink,

            Schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.

             

            Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,

            Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen

            Und lila Quallen liegen - bunte Öle;

             

            Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen. -

            Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,

            Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.

       

                     *

          Georg Heym  (1887 – 1912)

          Berlin

          I

          Beteerte Fässer rollten von den Schwellen

          Der dunklen Speicher auf die hohen Kähne.

          Die Schlepper zogen an. Des Rauches Mähne

          Hing rußig nieder auf die öligen Wellen.

           

          Zwei Dampfer kamen mit Musikkapellen.

          Den Schornstein kappten sie am Brückenbogen.

          Rauch, Ruß, Gestank lag auf den schmutzigen Wogen

          Der Gerbereien mit den braunen Fellen.

           

          In allen Brücken, drunter uns die Zille

          Hindurchgebracht, ertönten die Signale

          Gleichwie in Trommeln wachsend in der Stille.

           

          Wir ließen los und trieben im Kanale

          An Gärten langsam hin. In dem Idylle

          Sahn wir der Riesenschlote Nachtfanale.

           

          II

          Der hohe Straßenrand, auf dem wir lagen,

          War weiß von Staub. Wir sahen in der Enge

          Unzählig: Menschenströme und Gedränge,

          Und sahn die Weltstadt fern im Abend ragen.

           

          Die vollen Kremser fuhren durch die Menge.

          Papierne Fähnchen waren drangeschlagen.

          Die Omnibusse, voll Verdeck und Wagen.

          Automobile, Rauch und Hupenklänge.

           

          Dem Riesensteinmeer zu. Doch westlich sahn

          Wir an der langen Straße Baum an Baum,

          Der blätterlosen Kronen Filigran.

           

          Der Sonnenball hing groß am Himmelssaum.

          Und rote Strahlen schoß des Abends Bahn.

          Auf allen Köpfen lag des Lichtes Traum.

           

          III

          Schornsteine stehn in großem Zwischenraum

          Im Wintertag und tragen seine Last,

          Des schwarzen Himmels dunkelnden Palast.

          Wie goldne Stufe brennt sein niedrer Saum.

           

          Fern zwischen kahlen Bäumen, manchem Haus,

          Zäunen und Schuppen, wo die Weltstadt ebbt,

          Und auf vereisten Schienen mühsam schleppt

          Ein langer Güterzug sich schwer hinaus.

           

          Ein Armenkirchhof ragt, schwarz, Stein an Stein,

          Die Toten schaun den roten Untergang

          Aus ihrem Loch. Er schmeckt wie starker Wein.

           

          Sie sitzen strickend an der Wand entlang,

          Mützen aus Ruß dem nackten Schläfenbein,

          Zur Marseillaise, dem alten Sturmgesang.

     

                                                   *

        Vorortbahnhof (Berlin VI) Georg Heym  s.  Motiv Abend

         

         Alfred Lichtenstein (1889 – 1914)

        Gesänge an Berlin

        O du Berlin, du bunter Stein, du Biest.

        Du wirfst mich mit Laternen wie mit Kletten.

        Ach, wenn man nachts durch deine Lichter fließt

        Den Weibern nach, den seidenen, den fetten.

         

        So taumelnd wird man von den Augenspielen.

        Den Himmel süßt der kleine Mondbonbon.

        Wenn schon die Tage auf die Türme fielen

        Glüht noch der Kopf, ein roter Lampion.

         

        Bald muß ich dich verlassen, mein Berlin

        Muß wieder in die öden Städte ziehn.

        Bald werde ich auf fernen Hügeln sitzen.

        In dicke Wälder deinen Namen ritzen.

         

        Leb wohl, Berlin, mit deinen frechen Feuern.

        Lebt wohl, ihr Straßen voll von Abenteuern.

        Wer hat wie ich von eurem Schmerz gewußt.

        Kaschemmen, ihr, ich drück euch an die Brust.

         

        In Wiesen und in frommen Winden mögen

        Friedliche heitre Menschen selig gleiten.

        Wir aber, morsch und längst vergiftet, lögen

        Uns selbst was vor beim In-die-Himmel-Schreiten.

         

        In fremden Städten treib ich ohne Ruder.

        Hohl sind die fremden Tage und wie Kreide.

        Du, mein Berlin, du Opiumrausch, du Luder.

        Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide.

                          (1914)

 

    Hörtipp Lichtenstein

    Ich hebe meine Augen in die Welt  (Lichtenstein - CD)  www.words-and-music.de

    Die CD „Ich hebe meine Augen in die Welt“ (hörbuch edition words & music  - 2007 ) mit schön und exzellent gestaltetem Cover und Booklet wird helfen,

     die in der Internet-Lyrikszene seit Jahren beobachtbare Wiederentdeckung des Frühexpressionisten Alfred Lichtenstein (1989 – 1914) auf eigenständige,

     auch musikalische Weise zu kommentieren.

    Die in fünf Kapitel aufgeteilte Textauswahl der grotesk witzigen, zeitkritischen und epochetypischen Gedichte wie auch des satirischen  Prosatextes

     „Cafe Klößchen“ – durch Barbara Wittmann und Detlef Bierstedt präzise, engagiert texterhellend und ohne   Sprechereitelkeiten  gelesen - vermittelt

    einen guten Einstieg für Neulinge des lange vernachlässigten Literaten und macht auch  dem   Kenner Freude; das liegt neben den Texten zudem an de

    r musikalischen Gestaltung durch Piano (Aki Takase) und Percussion (Michael  Griener). Sparsam eingesetzt kommentieren die aus der modernen Jazzszene

     bekannten Musiker die „Ausdruckskunst“ des Literaten,   ohne Gefahr zu laufen, die Gedichte zum musikalischen Projekt  herabzustufen.

    Fazit: Hörgenuss pur – und  kein „Trüber Abend“  mit  Alfred Lichtenstein .

 

      Alfred Lichtenstein  (1889 – 1914)

      Nächtliches Abenteuer

      Ging da neulich über den Potsdamer Platz

      Um 1 Uhr nachts ein allerliebster Fratz.

      Ich sprach die Kleine an mit frecher Stirne:

      „ 3 Mark mein Schatz?“Sandauto

                               Na, Süße? - Dein Schlitten?

      Sagte, sie sei empört

      Und finde so etwas unerhört,

      Und sagte, sie sei keine Dirne

      Und es sei ihr etwas wert, ihr Name,

      Und sie sei eine anständige Dame

      Und sie gäbe sich nicht für 3 Mark her

       

      Und sie nähme mehr.

        *

             

          Ernst Wilhelm Lotz (1890 – 1914)

          Die Nächte explodieren in den Städten...

          Die Nächte explodieren in den Städten,

          Wir sind zerfetzt vom wilden, heißen Licht,

          Und unsre Nerven flattern, irre Fäden,

          Im Pflasterwind, der aus den Rädern bricht.

           

          In Kaffeehäusern brannten jähe Stimmen

          Auf unsre Stirn und heizten jung das Blut.

          Wir flammten schon. Und suchen leise zu verglimmen,

          Weil wir noch furchtsam sind vor eigner Glut.

           

          Wir schweben müßig durch die Tageszeiten,

          An hellen Ecken sprechen wir die Mädchen an.

          Wir fühlen noch zu viel die greisen Köstlichkeiten

          Der Liebe, die man leicht bezahlen kann.

           

          Wir haben uns dem Tage übergeben

          Und treiben arglos spielend vor dem Wind,

          Wir sind sehr sicher, dorthin zu entschweben,

          Wo man uns braucht, wenn wir geworden sind.

                 *

           

        Ernst Blass (1890  - 1939)

        Kreuzberg I

        Blaßmond hat Hall und Dinge grau geschminkt.

        Das Wundern lernte selbst der karge Greis,

        Der unten, auf der Bank, im engsten Kreis

        Vor sich den mageren Spazierstock schwingt.

         

        Da liegt die große Stadt: schwer, grau und weiß.

        Ein Rauchen, Greifen, Atmen, daß es stinkt.

        Eh sie dem heil’gen Tag das Dunkel wild entringt,

        Erwachen Nerventräume, blaß  und heiß.

         

        Fort mit dem süßen Blick! Fort mit dem Kusse!

        Hörst du die roten Nacht- und Not-Alarme?

        Die heißen blassen Träume sind verstreut.

         

        Mir stehen riesige liebes-, hasseswarme

        Gebäude zu durchwandern weit bereit.

        Da unten rollen meine Autobusse!

              *

          Ernst Blass (1890 - 1939) 

          Autofahrt

          ... rast weiter über menschenlosen Platz,

          Gelb, keuchend, zwischen Träumen und Erwachen,

          Rings Nebel, die Gebüsche blinder machen,

          Das Auto dreht ... in einem Satz.

           

          Ich liege nur, mein Herz ward ausgerenkt,

          Bin ich hier nicht am Brandenburger Tor?

          Rechts steigt der Himmel dunstig schief empor,

          Wo klein der Mond, ein weißer Tropfen, hängt.

                                              (1912)

                *

                 

        Eva Zeller (* 1923)

        Berlin

         

        Wachhund

        auf Flüchtlinge abgerichtet

        zerfleischt Grenzposten

         

        Freiheit

        an die große Glocke gehängt

        und wissen

        was sie geschlagen hat

         

        Amseln polstern ihr Nest

        in der Mauer

        mit gelassenen Federn

         

        Alte Frauen

        reißen die Tage

        von der perforierten Zeit

        um sie sich

        hinter den Spiegel zu stecken

         

        Eine Stadt

        läßt sich die Haare wachsen

        und tanzt auf ihren Altären

        Sie ist so frei

         

           *

        aus:  Eva Zeller, Sage und schreibe. Gedichte. DVA Stuttgart 1971, S. 33

    Der Autorin herzlichen Dank für ihre freundliche Erlaubnis vom 26. 08. 2011, ihr Gedicht publizieren zu dürfen.

 

 

            Günter Kunert (* 1929)

            Berlin morgens zwei Uhr

             

            Die Läden da unten leuchten, als wollten

            sie den Toten den Weg erleichtern.

            Die Stadtbewohner mumifizieren sacht

            vor sich hin. Die Autos schlafen

            traumlos, Es scheint, als gäbe es

            schon jetzt kein Erwachen mehr.

            Was sich hinter diesem oder jenem

            Fenster regt, inszeniert

            unsere Fantasie. Zu dieser Stunde

            verlangsamt sich der Herzschlag

            der Metropole und der deine dazu.

            Matter Widerschein an der

            Zimmerdecke. Wer nicht ganz

            von dieser Welt ist, darf jetzt

            Leben simulieren.

             

                    *

         (aus: Günter Kunert, Als das Leben umsonst war, München 2009,  S. 10, Carl Hanser Verlag)

 

            Günter Kunert (* 1929)

            Berlin vor Zeiten

             

            Abend für Abend

            völlig gesichtslos. Auch sonst

            nur Silhouette unmerklich

            auftauchend und verschwindend

            durch Selbstverständlichkeit. Wer

            war das oder die

            wie er gewesen? Beordert

            mit hakenbewerter Stange

            an einer Straßenlaterne

            den Hebel zu ziehen und

            an der nächsten und übernächsten

            und weiter und ferner und immer

            schattenzarter. Feierlich

            glühte nach und nach

            seinem lautlosen Schreiten

            die Nacht grünlich auf

            uns heimzuleuchten

            nachdem wir da und dort wie er

            fortgegangen sind.

             

                        *

        (aus: Günter Kunert, Als das Leben umsonst war, München 2009, S. 11, Carl Hanser Verlag)

                   Dem Autor Günter Kunert ein sehr herzliches Dankeschön für seine rasche Antwort vom 12. 08. 2012

                                  und sein Einverständnis mit dem  Abdruck hier.

 

            Marko Ferst ©

            Der Park

            Gelbe Krokusse

            noch blühen sie

            die Bäume

            hat es schon erwischt

            abgesägt, zerstückelt

            man lädt sie gerade auf

            jetzt blüht uns

            eine neue Immobilie

            das Geld schnappt zu

            die Erdhaut

            wird schon aufgerissen

            Beton, Stahl und Glas

            türmen sich empor

            die Steinschlucht

            die mal Friedrichstraße hieß

            man sollte sie

            Architekturungeheuer taufen

            aber wer braucht denn

            auch noch Parks, Bäume und Vögel

            so was Altmodisches

            wo wir doch bald

            umzingelt sind

            bis zum Abgesang

            tönt Vögelzwitschern

            aus Lautsprechern

            und Bäume wachsen per Video

            einfallslose Umweltschützer

            dass die nicht

            selber drauf kommen

             

          Berlin, Bahnhof Friedrichstraße

          aus: Marko Ferst, Umstellt. Sich umstellen. Gedichte,  Leipzig - Berlin 2005

 

              Marko Ferst ©

              Blick auf den Seddinsee

              Kormorane verätzen

              ihre Brutbäume

              über Wasserflächen

              findet die Seele Tiefe

              zuweilen lasse ich hier

              meine Blicke schweifen

              meditiere mit der großen Natur

              die Wälder sprechen zu mir

              manchmal betteln

              Stockenten um Brotkrumen

              Eisenpfähle mit Schildern

              Berliner Gründlichkeit

              verschandelt die Landschaft

              Trauerseeschwalbenschutz

              im Winter blendet

              der Schnee auf dem Eis

              im Sommer stört noch abends

              motorisierter Bootslärm

              und doch bleibt der Kontakt

              zu Winden, Sternen

              und Sonnenglitzer

 

     aus:  Juniland.  Gedichte. Monika Jarju, Werner Pelzer, Hans-Jürger Gaiser u.v.a. Dorante Edition. literaturpodium Berlin

    2007 (Marko Ferst  herzlichen Dank für die Befreiung vom copyright - Coverfoto vom Hopfensee: Jördis Kummerländer).

Juniland_Cover

                       

            Marko Ferst ©

            Krumme Lake

             

            Gefügt in Grün

            und Wälderdickicht

            schilfumringtes Wasser

            am Ufer Birkenfrisch

            Gelb am Boden

            winzige Blüten

            Vogelbeeren im Schatten

            Farne sprießen auf Morast

            ausgedehnte Erlenzüge

            Graureiher versteckt

             

            Mit Eulenschild

            ist alles geschützt

            baden gilt als illegal

            im Minutentakt

            schrammen Flugzeuge

            tief über Wipfel

            Räder ausgeklappt

            willkommen im Vogelschutzgebiet!

            Blech und Krach am Himmel

            Schwimmer finden sich ein

            bei Sommerglut

             

            Buntes Braun kleidet

            von September an

            später der Frost

            spiegelt mit der Eisglätte

            die Sonne zurück

            still dämmern alle Pfade

            nur die Schwarzröcke

            pflügen solange es geht

            nur selten noch liegt Schnee

            auf Kiefernkronen

            das liegt nicht nur

            am Fliegerwahn

 

                    Krumme Lake bei Berlin-Müggelheim -  08/2009

                   *                  

                   weit und breit kein copyright:

               

            Günter Kunert (* 1929)     Berliner Nachmittag (Im Sommer bei bedecktem Himmel)

                    Berlin (Da ist nichts mehr/ zu beschreiben. Stattdessen)

                    Fantasma (Das letzte Gedicht über Berlin -)

                    Berlin beizeiten (Reichhaltig dich nennen)

                    Der jüdische Friedhof in Weißensee (Auf granitenen Platten)

                    Am Kurfürstendamm (Gen Abend kommt es dort

 

            Wulf Kirsten ( * 1934)    Kurfürstendamm (Eisenzahnstraße, abgewinkelten arms.)

             

            Sarah Kirsch (1935 - 2013)  The Last of November (Erst in die Wechselstuben am Zoo)

             

            Wolf Biermann ( * 1938)      Berlin (Berlin, du deutsche deutsche Frau)

 

                                                                  Empfehlenswerte Anthologie:

           Berlin, mit deinen frechen Feuern. 100 Berlin-Gedichte. Hrsg. Michael Speier.   Reclam jun. Stuttgart 1997    

                                                                                *

 

              Erich Adler ©

              Stille Hommage

              Im Garten am Nachmittag

              sitzend unter der Sonne

              mit dem Buch lese ich

              die Lebensgeschichte der Mascha Kaléko:

              Mit ihrem Berlin im Gepäck auf der Suche nach Sprache

              während über mir aus der Lärche

              der heimische Klang einer Amsel heraus fällt

              einen Moment taumelnd 

              über diese verbrannten

              vertriebenen

              Verse.

               

                  * * *

                                                                                                                     

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