Ehepaar_Busch2

 

  Lesen schadet den Augen

 

IMG_0010-red

 

                             Glauben

    Walter von der Vogelweide (ca. 1170 – 1230)

     

    Finnische kuppel

     

    Dô gotes sun hie in erde gie,

    do versuchten in die juden ie.

    sam tâtens eines tages mit dirre frâge.

    Si frâgeten ob ir frîez leben

    dem rîche iht zinses solte geben.

    dô  brach er in die huote und al ir lâge.

    Er iesch ein münizîsen,

    er sprach >wes bilde ist hie ergraben?<

    >des kaisers<, sprâchen dô die merkaere.

    dô riet er den unwîsen

    daz si den keiser liezen haben

    sîn küneges reht, und got swaz gotes waere.

     

     

    Als Gottes Sohn hier auf der Erde war

    überprüften die Juden oftmals seine Gesetzestreue.

    So kamen sie eines Tages mit der Frage

    ob sie als Freie überhaupt verpflichtet seien

    dem Reichsoberhaupt Steuerzinsen zu geben.

    Da durchbrach er ihre Unaufrichtigkeit

    erbat sich eine Münze und

    fragte:  Wessen Abbild ist hier erfasst?

    „Das des Kaiser“, sprachen die Gesetzesausleger.

    Da riet er den Verstockten

    dem Kaiser zu lassen,

    was als Kaiserrecht empfunden wird, und  Gott

    was Gott gehört. 

                                                    Adaption: Erich Adler©

          *

 

     Geistliche Lyrik unter dem Einfluss der Jesus-Minne -   Friedrich   Spee ist aber

    neben  seiner    Zugehörigkeit zur Mystik auch als „Hexenbeichtvater“ bekannt

    geworden, der   mit einer anonymen lat.  Veröffentlichung des „Gewissenspiegels

    der Nation“    (cautio criminalis) auch im Klerus ein Umdenken in der leidvollen

    Geschichte europäischer  Hexenverfolgung  eingeleitet hat.

     

            Die gespons JESV lobet Gott   (Anm.: die Gespons = die Braut)

            bey dem gesang der Vögelein.

             1.  

            Offt morgens in der kühle

                Noch vor dem Sonnenschein,

            Wan JESV pfeil ich fühle

                Zu scharpff, vnd hitzig sein,

            Mitt frewden mich verfüge

                Zum grünen wald hinein;

            Wolt Gott nun dapffer schlüge

                Der klang der Vögelein.

             

            2.

             O Vöglein ihr ohn sorgen,

                Als newlich kam hinein,

            Ein Liedlein must euch borgen;

                Wil nu bezahlet sein.

            Nun mahnet auff zur stunde

                Den besten athem gut,

            Nun schöpfft von hertzengrunde

                Vom best gesibten blut.

             

            3.

             Mitt bester Stimm last klingen

                Den höchst- vnd besten ton:

            Durch wolcken soll sichs dringen,

                Biß zu dem Gottes thron.

            Nun da, da thuts erklingen,

                Nun da, da recht, vnd fein:

            Ja so, so müßet singen

                Jhr lautbar Vögelein.

             

            4.

             O Nachtigal du schöne!

                Verdienest rechter weiß,

            Man Dich fürnehmlich kröne

                Mitt höchstem Ehrenpreiß.

            Wie magst es je doch machen

                So sauber, glatt, vnd rund?

            Das hertzlein dir mögt krachen

                Förcht Jch, wans geht zu bunt!

             

            5.

             Thust wunder, wunder zwingen

                Den athem hundertfalt,

            Kein Vöglein ist, im singen

                So Dir die farben halt.

            Wan Dich man mercket kommen

                Offt zum gemeinen hauff,

            Fast alle gleich erstummen,

                Die Zünglein zäumens auff.

             

            6.

             Doch ietzet sie nitt schweigen,

                Nitt feyrens diser frist,

            Jetzt alle sie sich zeigen,

                Weil Gott zu loben ist.

            Keins wil nun keinem weichen,

                Sich brauchens groß, vnd klein,

            Laut spielend gehn durchstreichen

                Das frölig wäldelein.

             

            7.

             O süssigkeit der stimmen,

                Wie pfeiffens also rein!

            Jm lufft wie lieblich schwimmen

                Die fliegend psälterlein?

            Wie zierlich thuts erschallen

                Jm krauß, vnd holen holtz?

            Wil Mirs ia bas gefallen

                Als alle Músic stoltz.

              

            8.

             Die Bäumlein reich von zweigen

                Auch sangweiß sausen gan,

            Zum Gotteslob sich neigen,

                Vom Wind geblasen an.

            Die Bächlein auch nun rauschen,

                Vnd fröilg klinglen zu,

            Nitt bald den ton vertauschen,

                Bleibt gleicher klang ohn ruh.

             

            9.

             Ey wo nun seind im gleichen,

                Wo seind all menschenspil?

            Ach woltens ja nitt weichen,

                Sich sammlen eben vil:

            Ach woltens gleicher massen

                Bey diser Music sein,

            Sich auch mitt hören lassen

                Vnd sämptlich stimmen ein.

             

            10.

             O Gott was frewd im hertzen,

                Was lust ich schöpffen thät?

            Wan heut zur Prim, vnd Tertzen,

                Sext, Non, vnd Vesper späth,

            Zu wegen ich könd bringen

                Dem lieben GottesSohn,

            Vor Jhm daß mögt erklingen

                So starck gemischter ton!

             

            11.

             Her, her all jnstrumenten,

                So seind in gantzer welt,

            All Fugen, vnd Concenten

                So vil die Music zehlt:

            Her, her, all MenschenStimmen,

                Last immer, immer gan,

            Mans nie doch wird erklimmen

                O Was Gott gebüren kan.

             

            12.

             Je mehr man ihn erhoben,

                Gelobt, vnd ehret hatt,

            Je mehr man ihn zu loben

                Noch allweg lasset statt.

            Drumb spielet, vnd psalliret,

                Was ie nur spilen kan.

            Springt, lauchtzet, iubiliret,

                Lust, frewd ihm stellet an.

             

             

     Friedrich von Logau ( 1604 – 1655)

           Gott dient allen; wer dient jhm.

     GOtt schafft / erzeucht / trägt / speist / tränckt / labt / stärckt /                                                                                       nährt / erquickt /

    Erhält/ schenckt / sorgt beschert / vermehrt / gewehret /schickt/

    Liebt / schützt / bewahrt erlöst beschattet / benedeyt

    Schirmt / sichret / führt / regirt errettet / hilfft / befreyt /

    Erleuchtet / vnterweist / erfreut sterbt vnd erweckt /

    So / daß sich fort vnd fort sein Heil auff vns erstreckt;

    Mit allem dienstu / Gott / vns allen! ist auch wol:

    Der dir dient einer nur / vnd dient dir wie er sol?

                          *

 

     Friedrich von Logau ( 1604 – 1655) 

    Glauben

     Lutherisch, Päpstisch und Calvinisch, diese Glauben alle drei

    Sind vorhanden; doch ist Zweifel, wo das Christentum dann sei.

 

 

      Andreas Gryphius (1616 – 1664)

      Abend

      Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn‘,

      Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen

      Verlassen Feld und Werk, wo Tier‘ und Vögel waren

      Trau’rt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

       

      Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn.

      Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren

      Ich, du und was man hat und was man sieht, hinfahren.

      Dies Leben kommt mir vor als eine Renne-Bahn.

       

      Laß, höchstern Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten,

      Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten.

      Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir,

       

      Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen,

      Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen,

      So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir.

                       (1650)

                             *

      Angelus Silesius (Johannes Schefffler) (1624 - 1677)

      Gott lebt nicht ohne mich

      Ich weiß dass ohne mich GOtt nicht ein Nun kann leben/

      Wer’ ich zunicht Er muss von Noth den Geist auffgeben.

 

            *

        Barthold Heinrich Brockes (1680 – 1747)

        Ach HERR! eröffne mein Verständnißl

        Ach gieb mir Weisheit und Erkäntniß /

        Der Dinge Wesen zu betrachten /

        Und in denselben Dich zu achten /

        Weil alles / Dich zu ehren / lehrt.

        Nicht nur der Himmel Raum / nicht nur der Sonnen Schein /

        Nicht der Planeten Gröss' allein;

        Ein Stäubchen / ist bewunderns wehrt.                 

                         (1724)

 

Kirschblüte

 

        Barthold Heinrich Brockes (1680 – 1747)

         Kirschblüte bei Nacht

         Ich sahe mit betrachtendem Gemüte

        Jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte,

        In kühler Nacht beim Mondenschein;

        Ich glaubt‘, es könne nichts von größrer Weiße sein.

        Es schien, ob wär ein Schnee gefallen.

        Ein jeder, auch der kleinste Ast

        Trug gleichsam eine rechte Last

        Von zierlich-weißen runden Ballen.

        Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt,

        indem daselbst des Mondes sanftes Licht

        Selbst durch die zarten Blätter bricht,

        Sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.

        Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden

        Was Weißers ausgefunden werden.

        Indem ich nun bald hin, bald her

        Im Schatten dieses Baumes gehe,

        Sah ich von ungefähr

        Durch alle Blumen in die Höhe

        Und ward noch einen weißern Schein,

        Der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar,

        Fast halb darob erstaunt, gewahr.

        Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein

        Bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht

        Von einem hellen Stern ein weißes Licht,

        Das mir recht in die Seele strahlte.

         

        Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergetze,

        Dacht ich, hat Er dennoch weit größre Schätze.

        Die größte Schönheit dieser Erden

        Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.

                                                                                (1727)

                 *

    Johann Peter Uz (1720 – 1796)  

    Theodicee

     Mit sonnenrotem Angesichte

    Flieg ich zur Gottheit auf! Ein Strahl von ihrem Lichte

    Glänzt auf mein Saitenspiel, das nie erhabner klang.

    Durch welche Töne wälzt mein heiliger Gesang,

    Wie eine Flut von furchtbarn Klippen

    Sich strömend fort und braust von meinen Lippen!

     

    Ich will die Spötter niederschlagen,

    Die vor dem Unverstand, o Schöpfer, dich verklagen:

    Die Welt verkündige der höhern Weisheit Ruhm!

    Es öffnet Leibniz mir des Schicksals Heiligtum,

    Und Licht bezeichnet seine Pfade,

    Wie Titans Weg vom östlichen Gestade.

     

    Die dicke Finsternis entweiche,

    Die aus dem Acheron, vom stygischen Gesträuche

    Mit kaltem Grausen sich auf meinem Wege häuft,

    Wo stolzer Toren, Schwarm in wilder Irre läuft

    Und auch der Weise furchtsam schreitet,

    Oft stillesteht und oft gefährlich gleitet.

     

    Die Risse liegen aufgeschlagen,

    Die, als die Gottheit schuf, vor ihrem Auge lagen:

    Das Reich des Möglichen steigt aus gewohnter Nacht.

    Die Welt verändert sich mit immer neuer Pracht

    Nach tausend lockenden Entwürfen,

    Die eines Winks zu schnellem Sein bedürfen.

     

    Doch Dämmerung und kalte Schatten

    Gehn über Welten auf, die mich entzücket hatten:

    Der Schöpfer wählt sie nicht! Er wählet unsre Welt,

    Der Ungeheuer Sitz, die, Helden beigesellt,

    In ewigen Geschichten strahlen,

    Der Menschheit Schmach, das Werkzeug ihrer Qualen.

     

    Eh ihn die Morgensterne lobten

    Und aufsein schaffend Wort des Chaos Tiefen tobten,

    Erkor der Weiseste den ausgeführten Plan.

    Und wider seine Wahl will unser Maulwurfswahn

    In stolzer Blindheit recht behalten

    Und eine Welt im Schoß der Nacht verwalten?

     

    Von welcher Sonne lichtem Strahle

    Weicht meine Finsternis! Wie, wann aus feuchtem Tale

    Der frühe Wandersmann auf hohe Berge dringt,

    Schnell eine neue Welt vor seinem Aug entspringt,

    Und Reiz die große Weite zieret,

    Wo sich der Blick voll reger Lust verlieret.

     

    Denn Fluren, die von Blumen düften,

    Gefilde voll Gesangs und herdenvolle Triften

    Und hier kristallne Flut, vom grünen Wald umkränzt,

    Dort ferner Türme Gold, das durch die Wolken glänzt,

    Begegnen ihm, wohin er blicket.

    So wird mein Geist auf seinem Flug entzücket.

     

    Ich habe mich emporgeschwungen!

    Wie groß wird mir die Welt! Die Erde flieht verschlungen.

    Sie macht nicht mehr allein die ganze Schöpfung aus.

    Welch kleines Teil der Welt ist Rheens finstres Haus!

    Und Menschen, welche kleine Herde

    Seid ihr nur erst auf dieser kleinen Erde!

     

    Gönnt gleiches Recht auf unserm Balle

    Geschöpfen andrer Art! Ihr Schöpfer liebt sie alle.

    Die Weisheit selbst entwarf der kleinsten Fliege Glück.

    Ihr Schicksal ist bestimmt, so gut als Roms Geschick

    Und als das Leben einer Sonne,

    Die glänzend herrscht in Gegenden der Wonne.

     

    Seht, wie in ungemeßner Ferne

    Orion und sein Heer, ein Heer bewohnter Sterne,

    Vor seinem Schöpfer sich in lichter Ordnung drängt.

    Er sieht, er sieht allein, wie Sonn an Sonne hängt,

    Und wie zum Wohl oft ganzer Welten

    Ein Übel dient, das wir im Staube schelten.

     

    Er sieht mit heiligem Vergnügen

    Auf unsrer Erde selbst sich alle Teile fügen

    Und Ordnung überall, auch wo die Tugend weint;

    Und findet, wann sein Blick, was bös und finster scheint,

    Im Schimmer seiner Folgen siehet,

    Daß, was geschieht, aufs beste stets geschiehet.

     

    Die ihr ein Stück vom Ganzen trennet,

    Vom Ganzen, das ihr bloß nach euerm Winkel kennet,

    Verwegen tadelt ihr, was Weise nicht verstehn.

    O könnten wir die Welt im Ganzen übersehn,

    Wie würden sich die dunkeln Flecken

    Vor unserm Blick in größern Glanz verstecken!

     

    Soll Welten alles Böse fehlen?

    So mußte nie den Staub der Gottheit Hauch beseelen;

    Denn alles Böse quillt bloß aus des Menschen Brust.

    So muß der Mensch nicht sein: welch größerer Verlust!

    Die ganze Schöpfung würde trauern,

    Die Tugend fliehn und ihren Freund bedauern.

     

    Ihr Weisen hättet nie entzücket,

    Die ihr die Schöpfung mehr als hundert Sonnen schmücket,

    Und Ordnung herrschte nicht im Reiche der Natur,

    Die niemals flüchtig springt und stufenweise nur

    Auf ihrer güldnen Leiter steiget,

    Wo sich der Mensch auf mittlern Sprossen zeiget.

     

    Vom Wurme, der voll größter Mängel

    Auf schwarzer Erde kreucht, und vom erhabnen Engel

    Sind Menschen gleich entfernt und beiden gleich verwandt.

    Ihr freier Wille fehlt, ihr himmlischer Verstand

    Entflieget nie der engen Sphäre.

    Stets fesselt ihn des Leibes träge Schwere.

     

    In allen Ordnungen der Dinge,

    Die Gott als möglich sah, war Menschenwitz geringe.

    Der Mensch war immer Mensch, voll Unvollkommenheit.

    Durch Tugend soll er sich aus dunkler Niedrigkeit

    Zu einem höhern Glanz erheben,

    Unsterblich sein nach einem kurzen Leben.

     

    Mein Schicksal wird nur angefangen,

    Hier, wo das Leben mir in Dämmrung aufgegangen,

    Mein Geist bereitet sich zu lichtern Tagen vor

    Und murrt nicht wider den, der mich zum Staub erkor,

    Mich aber auch im Staube liebet

    Und höhern Rang nicht weigert, nur verschiebet.

 

 

        Novalis (Friedrich Freiherr von Hardenberg;  1772 – 1801)

                         XII

        Wenn in bangen trüben Stunden

        Unser Herz beinah verzagt,

        Wenn von Krankheit überwunden

        Angst in unserm Innern nagt;

        Wir der Treugeliebten denken,

        Wie sie Gram und Kummer drückt,

        Wolken unsern Blick beschränken,

        Die kein Hoffnungsstrahl durchblickt:

         

        O! dann neigt sich Gott herüber,

        Seine Liebe kommt uns nah,

        Sehnen wir uns dann hinüber,

        Steht sein Engel vor uns da,

        Bringt den Kelch des frischen Lebens,

        Lispelt Mut und Trost uns zu;

        Und wir beten nicht vergebens

        Auch für die Geliebten Ruh.

                    
        IMG_1677Nimm und lies

     

                        XIV

        Ich sehe dich in tausend Bildern

        Maria, lieblich ausgedrückt,

        Doch keines von allen kann dich schildern,

        Wie meine Seele dich erblickt.

        IMG_2970_Madonna Dom Hildesheim

        Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel

        Seitdem mir wie ein Traum verweht,

        Und ein unnennbar süßer Himmel

        Mir ewig im Gemüte steht.

                   *

        aus:  Geistliche Lieder  (entst. 1799/1800)

         

        Luise Hensel (1798 - 1876)    

        In einer Dorfkirche  

        Immer muss ich sein gedenken,

        Immer seiner Huld mich freun,

        Immer her die Schritte lenken

        Zu dem Kirchlein arm und klein.

         

        O du Wunder aller Gnade,

        Das der kleine Schrein umschließt!

        Ja, in dieser armen Lade

        Wohnt er, dem das All entfließt.

         

        O des Glückes, das der Glaube

        Seiner Gegenwart mich lehrt!

        O der Wonne, die im Staube

        Meine Seele schon erfährt!

         

        Seele, und du schaust noch trübe

        Auf die Dinge niederwärts?

        Gibt's für dich noch andre Liebe?

        Erdenfreude? Erdenschmerz?

         

        Sieh' in dieser Silberschale

        Ruht dein Gott, dein einzig Gut!

        Und du darbst beim reichsten Mahle?

        Und du frierst bei höchster Glut?

         

        Auch der kleinen Ampel Schimmer

        Mahnt dich, ganz für ihn zu glühn,

        Herz, o säumst du denn noch immer,

         Ganz in Flammen zu versprühn?

                                               Langenberg, 1856.

             *

        Else Lasker-Schüler (1869 – 1945)

        Gebet 

        Ich suche allerlanden eine Stadt,

        Die einen Engel vor der Pforte hat.

        Ich trage seinen großen Flügel

        Gebrochen schwer am Schulterblatt

        Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

         

        Und wandle immer in der Nacht...

        Ich habe Liebe in die Welt gebracht...

        Dass blau zu blühen jedes Herz vermag.

        Und hab ein Leben müde mich gewacht,

        In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

         

        O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;

        Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,

        Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,

        Du mich nicht wieder aus der Allmacht lässt

        Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

         

                                                       (aus: Meine schöne Mutter blickte immer auf Venedig)

         

        Else Lasker-Schüler (1869 – 1945)

        An Gott

        Du wehrtest den guten und den bösen Sternen nicht;

        All ihre Launen strömen.

        In meiner Stirne schmerzt die Furche,

        Die tiefe Krone mit dem düsteren Licht.

         

        Und meine Welt ist still –

        Du wehrtest meiner Laune nicht.

        Gott, wo bist du?

         

        Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,

        mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,

        wenn goldverklärt in deinem Reich

        Aus tausendseligem Licht

        Alle die guten und die bösen Brunnen rauschen.

                         *

         

IMG_2984_Domwächter Hildesheim

        Rainer  Maria Rilke  (1875 – 1926)

        Gott im Mittelalter

         

        UND sie hatten Ihn in sich erspart

        und sie wollten, dass er sei und richte,

        und sie hängten schließlich wie Gewichte

        (zu verhindern seine Himmelfahrt)

         

        an ihn ihrer großen Kathedralen

        Last und Masse. Und er sollte nur

        über seine grenzenlosen Zahlen

        zeigend kreisen und wie eine Uhr

         

        Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk.

        Aber plötzlich kam er ganz in Gang,

        und die Leute der entsetzten Stadt

         

        ließen ihn, vor seiner Stimme bangen,

        weitergehn mit ausgehängtem Schlagwerk

        und entflohn vor seinem Zifferblatt.

                                                                                (1907)

              *

        Reinhard Johannes Sorge (1892 – 1916)

        Gebet

        O mein Herr,

        In dein Aug

        Nimm mich auf!

        Leis dein Mund

        Zieh mich an!

        O mein Herr!

        Seufzst du auf,

        Hauche mich,

        Sinkst du tief,

        Nimm mich ein!

          *

           

          Albert Hiemer © (1907 – 1990)

          Kommunionkind im Schaufenster

           

          Der Knabe steif

          und ohne Glaube.

          An seiner Kerze

          lebt kein Licht.

          Das Sakrament

          empfängt er  nicht.

                  (aus: A. Hiemer, Nachlass Band 8, S. 3 - 1982)

           

          Albert Hiemer © (1907 – 1990)

          In der Kirche

           

          Schwarze Noten

          sind auf die weißen

          Wände geschrieben.

           

          Wir müssen sie

           absingen.

           

          Die Finger des Priesters

          sind golden vom Kelch.

           

          Jesus

          seufzt im Brot.

                (aus: A. Hiemer, Nachlass Band 8, S. 4  -  1982)

           

          Albert Hiemer © (1907 – 1990)

          Allerseelen

           

          Im Nebel

          sinken Lichter.

           

          Erde hebt sich leise

          gegen Hände.

           

          Man sagt Namen,

          die auf Steinen stehn.

           

                  (aus: A. Hiemer, Nachlass/ Grp. 8, S. 21)

 

        IMG_3052_Lärchenengel

            Hans Bender (1919 - 2015)

            Gibt es noch Engel?

            Ich hätte nichts dagegen,

            schwerelos wie sie mich zu bewegen.

            Mit ihnen zu musizieren, zu  singen.

            Mit ihnen mich schlafen  zu legen.

                                 *

     

       Ich danke Hans Bender sehr herzlich für die Abdruckerlaubnis des Vierzeilers,

        - s. a.  Dichter - Handwerk - Herbst - Liebe - Mensch -   veröffentlicht in:

       AKZENTE. Zeitschrift für Literatur, hrsg.  von Michael Krüger Carl Hanser Verlag Juni  2008

          (Der Kölner Autor, den ich in der Taubengasse 11 besuchen durfte, verstarb am 28. Mai 2015.)

                                                 *

          Kurt Marti (1921 - 2017)

          wenn ich gestorben bin

          hat sie gewünscht

          feiert nicht mich

          und auch nicht den tod

          feiert DEN

          der ein gott von lebendigen ist

           

          wenn ich gestorben bin

          hat sie gewünscht

          zieht euch nicht dunkel an

          das wäre nicht christlich

          kleidet euch hell

          singt heitere lobgesänge

           

          wenn ich gestorben bin

          hat sie gewünscht

          preiset das leben

          das hart ist und schön

          preiset DEN

          der ein gott von lebendigen ist

              *

    aus: Kurt Marti, Leichenrede. Sammlung Luchterhand Darmstadt und  Neuwied,  1976, S. 19

   Pfarrer Kurt Marti nach seiner schweren Erkrankung ein sehr herzliches  Dankeschön für die Abdruckerlaubnis

   und Gottes Segen – Ende August 2007.  -  Der Schweizer Autor  verstarb 2017.

            *

           

          Eva Zeller © (* 1923)

          Wer weiß

           

          Wer weiß

          ob nicht

          der Schnee

          von gestern

          heute fällt

           

          Wer weiß

          ob nicht

          mein Kinderglaube

          das letzte

          Wort behält

           

               *

         Eva Zeller, Das unverschämte Glück. Neue Gedichte, Radius Verlag Stuttgart 2006, S. 22

 

          Eva Zeller © (* 1923)

          Kirchenraub

           

          Bin weggegangen

          Bin hiergeblieben

          Hab dagelassen

          Hab mitgenommen

           

          aus dem Klingelbeutel

          die verlorenen Groschen

          aus dem Kerzenstummel

          den glimmenden Docht

           

          und dann den Ölzweig

          aus dem Schnabel der Taube

          Etwas zum Anfassen

          braucht unser Glaube

             *

    Eva Zeller, Das unverschämte Glück. Neue Gedichte, Radius Verlag Stuttgart 2006, S. 24

 

          Eva Zeller © (* 1923)

          Einspruch Euer Ehren

           

          Es ist nur so

          er hat den Mund

          zu voll genommen

           

          Was wollte er

          nicht alles

          für mich tun

          du liebe Güte

           

          Höckriges ebnen

          mich mit Rath und Tat

          mit Mutterhänden leiten

           

          mich aus viel

          tausend Nöten retten

          mir hätte es aus

          einer schon gereicht

           

          mein Arzt wollte er sein

          Nothelfer Tröster

          der ganz und gar

          in Aussicht stellt

          kein Tod solle mich töten

           

          es war zum Süchtigwerden

          so wahr ich lebe

          ich habe ihm

          aufs Wort geglaubt

           

          soll ich mich nun

          die Frage sei erlaubt

          mit weniger abspeisen

          lassen gekränkt bei

          Besserwissern und

          bei Spöttern sitzen

           

          die Arme in die Seite

          stemmen und sagen

          Einspruch euer Ehren

          wenn du nicht machst

          wie ich es will dann

          ja was dann

           

             *                                                  (ungedruckt)

    Der Autorin Eva Zeller für die am 26. 08. 2011 spontan zugesandten Texte, die freundlichen Worte zu meinem Lyrikschadchen

    und die Befreiung vom Copyright ganz herzlichen Dank.

 

        Horst Bingel (1933 – 2008)

        Gebetsversuch

        Auf meinem Teppich liegt

        kein Elefant.

         

        Aus meinem Garten legen

        sie aus dem Teich hin

        ter der Wand des Teehauses

        die letzten

        letzten Fische auf den Wagen

        des Metzgers über

        dem Himmel. Mei

        ster der Bäume, was

        sollen die Fische

        dir singen?

          *

     aus:

    Horst Bingel, Den Schnee besteuern.  Gedichte.. Hrsg. von Werner Bucher und Virgilio

    Masciadri.  orte-Verlag,  Oberegg AI und Zürich 2009, S. 60  - 

    Frau Barbara Bingel ganz herzlichen Dankfür die Abdruckerlaubnis.

 

 

      Albert von Schirnding (* 1935)

      Ende einer Belagerung

       

      Unter dem unaufhörlichen

      Beschuß deines Schweigens

      sind mir die Wörter

      ausgegangen

       

      Eingestürzt ist

      der Mauerbau meiner Sätze

      vor dem Ansturm deiner atemberaubenden

      Unsichtbarkeit

       

      Mit nackten Händen

      werfe ich jetzt

      aus blindem Schmerz

      gebackene Brocken

       

      dann mich selber

      dem Todesstoß

      deines unsagbaren Ausbleibens

      entgegen

           *

      aus: Albert von Schirnding: Übergabe. Achtzig Gedichte. Ebenhausen b. München 2005, S. 41 und S. 77 -

       Langewiesche-Brandt KG

       

        Albert von Schirnding (*1935)

        Verlassene Beichtstühle

         

        Wo sind die Sünden geblieben

        die Angst ums Seelenheil

        der Durst nach deinem Teil

        an Seligkeit im Drüben

         

        Die Reue schmeckte bitter

        erstickte dein Begehrn

        Den Freispruch durch das Gitter

        wolltest du nicht entbehrn

         

        Wohin die Lust verflogen

        die früh schon böse hieß

        Du bist um die Hölle betrogen

        wie um das Paradies 

                            *

 

      Albert von Schirnding (*1935)

      Plädoyer für Ohnmacht

       

      Geh auf leichten Sohlen

      über Kies und Sand

      Laß dich überholen

       

      Laß dich überwinden

      von einer fremden Hand

      Flieh – und laß dich finden

       

      Gib endlich dich verloren

      an ungekanntes Land

      Sei wieder ungeboren

       

              *

    aus: Albert von Schirnding, War ich da? Gedichte, Edition Toni Pongratz, Hauzenberg 2010, S. 24

    Dem Autor für die spontane Antwort vom 16. 02. 2012 und  sein großzügiges Einverständnis mit

     einer Gedichtauswahl für einen Abdruck hier meinen  ganz herzlichen Dank. (Ad)

                *

            Michael Krüger (* 1943)

             

            Natürlich kann man sich

            den Schöpfer des Universums

            als einen Gaukler denken.

            Alles verruchtes Spiel,

            Ausdruck beginnender Müdigkeit.

            Nur manchmal, wenn wir

            am Abend, einer Gewohnheit folgend,

            uns auf der Wiese versammeln,

            um die Nacht still zu begrüßen,

            sind wir vor Staunen sprachlos:

            Um uns zu foppen, zeigt er uns

            Proben seines großen Talents.

                *

              aus: Michael Krüger, Unter freiem Himmel. Gedichte, Suhrkamp Verlag 2S. 17

    Dem Autor für seine großzügige Abdruckerlaubnis im Anschluss an die 300. LITTERA- Lesung in Osnabrück am 16. 02. 2016

    ganz herzlichen Dank.

 

          Doris Runge (* 1943)

          exerzitien

           

          der dornbusch

          brennt

          der ahorn der wein

          der teichmönch

          murmelt

          gebete

          die grünen riesen

          kriechen

          zu kreuz

          lassen ab

          laub

          auf den steinen

          ein herrenloser

          hund

          bespringt die spur

                     *

          (aus: Doris Runge, du also. Gedichte, DVA München 2003, S. 22)

          Der Autorin für die Abdruckerlaubnis vom 03. 04. 2017 ganz herzlichen Dank.

 

      Andreas Knapp (*1958)

      Gott

       

      Unwort der Jahrtausende

      blutbesudelt und missbraucht

      und darum endlich zu löschen

      aus dem Vokabular der Menschheit

       

      Redeverbot von Gott

      getilgt werde sein Name

      die Erinnerung an ihn vergehe

      wie auf Erden so im Himmel

       

      wenn unsere Sprache aber

      dann ganz gottlos ist

      in welchem Wort

      wird unser Heimweh wohnen

       

      wem schreien wir noch

      den Weltschmerz entgegen

      und wen loben wir

      für das Licht

       

           *

      (aus: Andreas Knapp, Brennender als Feuer. Geistliche Gedichte. Regensburg 2010 (5) Echter Verlag, S. 10)

 

            Andreas Knapp (*1958)

            Gott von Gott

             

            Gott führt keine Selbstgespräche

            und lächelt nicht frostig

            in den Spiegel der Einsamkeit

             

            Gott redet nicht ins Blaue

            sein Mund findet ein Ohr

            auf Du und Du

             

            das Wort in Gott

            gibt selber wieder Antwort

            und immer so fort

             

            denn Gott als Liebe

            ist Geben und Empfangen

            in ewigem Zugleich

               *

    (aus: Andreas Knapp, Tiefer als das Meer. Gedichte zum Glauben, Regensburg 2009 (3)  Echter Verlag , S. 23)

  Ich danke dem Autor Andreas Knapp für seine aufmunternde briefliche Antwort vom 24. 10.   2014 und dem Echter Verlag für die

  Abdruckerlaubnis, um die ich Bruder Andreas nach seiner schönen Lesung am 13. Oktober im Dom Forum („Die Erdichtung Gottes.

  Wie wir von Gott reden können“)  gebeten hatte.

 

                       Glaub’s oder glaub’s nicht - kein Copyright

 

    Nelly Sachs (1891 – 1970)

    Schmetterling (Welch schönes Jenseits ist in deinen Staub gemalt)

     Marie Luise Kaschnitz (1901 - 1974)

    Auferstehung (Manchmal stehen wir auf)

     

IMG_2977_Kreuzgang Dom Hildesheim

    Hilde Domin (1909 – 2006)

    Ecce Homo (Weniger als die Hoffnung auf ihn)

    Paul Celan (1920-70)

    Mandorla (In der Mandel – was steht in der Mandel?)

    Psalm (Niemand knetet und wieder aus Erde und Lehm,)

     

    Ilse Aichinger (1921 – 2016)

    Sonntagvormittag (Gott zu lieben,/ihn anzubeten)

     

    Ernst Jandl (1925 - 2000)   an gott (dass an gott geglaubt einstens er habe)

    Reiner Kunze (* 1933)

     Zuflucht noch hinter der Zuflucht (für Peter Huchel)

     (Hier tritt ungebeten nur der wind durchs tor)

     

    Thomas Brasch (1945 – 2001) 

    Als Gott den Menschen schuf

     

    Christa Wisskirchen (* 1945)

    Gott, homöopathisch  (Kleines Denkspiel: das mit den 3x3 Punkten)

                                                    *

          Erich Adler ©  (* 1944)

          Auferstehung

          Am offenen Grab meines Onkels

          Gebet des Priesters und Segen während

          grün über uns in der Birke

          eine Amsel

          fern jeder Melancholie

          ihr Lied ins Grab fallen lässt

          - zur Ehre des Toten gekleidet - auf

          die Rosentropfen

          hinab.

                                       18.05. 2002

                                                                                                                              

          Erich Adler ©  (* 1944)

          Leises Ergebnis

          Schlag um Schlag

          meine kleine Welt

          geklippt

          und Stück um Stück

          das Seelenlaminat aneinander

           geklopft

          so lange bis jede Fuge sich

          über der Dämmung

          spurlos

          in  Gott

          verliert.

                               *

                     

> Wer an PDF glaubt

> Bibel-Rallye für Anfänger AB

> Bibel-Rallye (Lösung)

 

 

> NGL - Neues Geistliches Lied

> Kirchenlied